Dienstag, 15. Januar 2013

Timur Vermes debütiert mit "Er ist wieder da"



Eine Gratwanderung zwischen Ernst und Komik


 (Copyright: Eichborn Verlag)

Zwölf Wochen nach seinem Erscheinen konnte sich der Roman Er ist wieder da von Timur Vermes an die Spitze der Spiegel Bestseller-Liste im Bereich Belletristik setzen und verteidigt auch in dieser Woche wieder erfolgreich seinen Platz.
Der Kolumnist geht mit seinem im September 2012 erschienenen Debütroman aufs Ganze. Denn eine Satire über Adolf Hitler kann auch ziemlich schief gehen, vor allem dann, wenn sie aus dessen Ich-Perspektive geschrieben ist. In dem Roman erwacht Hitler im Jahr 2011 auf einem leeren Grundstück in Berlin und ist selbst vollkommen überrascht:


„Ich öffnete meine Augen, ich sah über mir den Himmel. […] Es war vergleichsweise still, über mir war kein Feindflieger zu sehen, kein Geschützdonner zu hören, keine Einschläge in der Nähe, keine Luftschutzsirenen. […] keine Reichskanzlei, kein Führerbunker.“

Auffallend ist die besondere Komik, die diesem Roman inne liegt. So zeigen folgende Ausschnitte nicht nur die Orientierungslosigkeit Hitlers im Jahr 2011, sondern bieten dem Leser auch einen triftigen Grund zum Schmunzeln, etwa wenn Hitler von Passanten nicht ernst genommen wird:

»Verzeihung, es mag Sie überraschen, aber ich… benötige sofort den kürzesten Weg zur Reichskanzlei.«
»Sind Sie vom Stefan Raab?«
»Bitte?«
»Oder der Kerkeling? Einer von Harald Schmidt?«

Oder wenn er nach Orientierung suchend auf der Straße angesprochen wird:

»Allet klar, Meesta?«
Bei aller Besorgnis kam ich nicht umhin, das vollständige Fehlen des Deutschen Grußes zu registrieren. Gewiss, die reichlich formlose Ansprache, die Verwechslung von »Meister« und »Führer« mochte der Überraschung geschuldet sein,…

Trotzdem stellt Timur Vermes seinen Hitler nicht als Witzfigur da, weshalb er dem Leser erschreckend real vorkommt. Und auch das in dem Roman dargestellte Deutschland ist ziemlich nah dran an unserer Gegenwart: erfolgsgeile Menschen, die süchtig nach Quoten, Klicks und „I Like“-Buttons sind. So ist dieser Roman witzig und ernst zugleich. Denn auf der einen Seite hat wohl jeder Leser eine voreingenommene Meinung zur historischen Figur des Adolf Hitler, mit dem wohl niemand harmonisieren wird. Auf der anderen Seite ertappt man sich beim Lesen dieses Romans aber dabei, wie man der Hauptfigur zustimmt und nicht über, sondern vielmehr mit ihr lacht. Damit ist dem Autor Timur Vermes hier eine Gratwanderung gelungen.
Der Leser begleitet die Hauptperson Hitler in diesem Roman dabei, wie er im Deutschland des 21. Jahrhunderts versucht, seine neue Karriere zu starten. Denn er ist sich sicher, dass auch jetzt noch ein Führer gebraucht wird. So bekommt Hitler zunächst einen Platz in einer Comedy-Show, in der er schon bald zur Kultfigur avanciert, da die Menschen ihn für den ultimativen Hitler-Darsteller halten. Und schließlich landet er wieder in der Politik und soll bei Debatten mitmischen – die perfekte Chance für Hitler, um noch einmal seine dunklen Gedanken zu verstreuen. Ob Hitler es schafft, bleibt an dieser Stelle offen…
Erstaunlich an diesem Roman ist, wie authentisch Timur Vermes seinen Hitler beschreibt. Sowohl sein Denken und Handeln als auch seine Sprache bringt Timur Vermes so auf das Papier, wie es aus vielerlei einschlägiger Literatur überliefert ist. Der im Jahr 2011 erwachte Hitler, nimmt seine Umwelt mit einer enormen Beobachtungsgabe wahr und urteilt über sie. So muss sich der Leser hier auf eine Gesellschaftssatire gefasst machen, in welcher der Autor einen Realitätstest wagt. Er stellt ganz klar die Frage: Hätte Adolf Hitler auch heute noch ein leichtes Spiel in Deutschland? Diese Frage wird sich jeder Leser während des Lesens stellen.
Ich musste lange überlegen, welches Urteil letztendlich über diesen Roman zu fällen ist. Denn obwohl Timur Vermes in einem derart heiklen Themengebiet die Gratwanderung zwischen Ernst und Komik mit Bravour meistert und der Roman eine wirklich interessante Frage an die Gesellschaft aufwirft, waren manche Passagen des Textes für meinen persönlichen Geschmack zu langatmig, zu detailliert und zu kleinlich.

Empfehlenswerter als der Roman erscheint mir in diesem Fall das Hörbuch. Denn durch die Stimme von Christoph Maria Herbst wird der vorhandene Romantext in meinen Ohren wirklich aufgewertet, sodass sich dieses Hörbuch als echtes Vergnügen erweist. Hier bekommt ihr eine Hörprobe:


Kommentare:

  1. Danke für deine super Rezension! Das Buch habe ich schon bei einer Freundin zum Ausleihen vorbestellt. Ich bin suuuuper gespannt wie es ist! Und der Ausschnitt von dem Hörbuch ist auch echt klasse. Jetzt überlege ich sogar erst das Hörbuch zu kaufen... hmmmmm. Was meinst du? Zuerst Hörbuch oder Buch lesen? Zuckrige Grüße vom Törtchenblog ;)
    Sandra

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    1. Mhhh... ich finde, dass das Hörbuch den ein oder anderen Witz besser zum Ausdruck bingt, vor allem durch die super-passende Stimme von Christoph Maria Herbst. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass man, wenn man das Hörbuch bereits hatte, den eigentlichen Text nur noch überfliegt. Daher vielleicht erst Buch, dann Hörbuch?
      Ist sicherlich Geschmackssache... Liebste Grüße, Sani

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