Mittwoch, 29. Mai 2013

Autoreninterview: Nina George und "Das Lavendelzimmer"

 

Teil I: Wer ist... Nina George?


(© Marion Losse)

1. Wie würden Sie sich selbst charakterisieren?
Sozial, gerechtigkeitsbewusst, albern, musisch, liebend, egozentrisch, verletzt, ehrgeizig, fleißig, unzerbrechbar, deutlich, feministisch, erstaunt, sterblich, wollüstig, cholerisch, mutig, melancholisch, stur, gierig, willensstark, kontrolliert, hypersensibel und sehr zuvorkommend.

2. Niemals ohne…
… meine Brille, schwarzen Kaffee und meinen Mann.

3. Was waren die bedeutendsten Ereignisse, die Sie zu einer Schriftstellerin werden ließen?
Meine extrem intensiven, farbigen (Alp)träume, mein Mitgefühl für die Sehnsüchte und Verletzungen der Menschen, und der frühe Umgang mit Büchern, der mich überzeugt hat, dass nur ein Leben mit Büchern sinnvoll ist, egal in welchen Ausformungen. Lesen, Schreiben, Rezensieren, mit Büchermenschen leben – ich wäre auch Buchhändlerin oder Bibliothekarin geworden. Hauptsache, meine Lebensgefährten besitzen Einband und Buchstaben.

4. In welchem literarischen Genre fühlen Sie sich am meisten zuhause und warum?
Ich fühle mich im Wechsel zu Hause. Nach einem (Kurz)Krimi, in dem ich Hass, Zerstörung und Zorn erzähle (und damit selbst durchlebe und die menschlichen Psychosen darin erforsche), brauche ich es nervlich, herum zu albern, oder von der Suche nach sich selbst, von eindrucksvollen Wahrnehmungen (Landschaften, Gerüche, Lustempfindungen) zu erzählen. Der Mensch ist für mich ein Spiegel der Welt. Eine (Seelen)Landschaft, in der es immer wieder Täler, Erdbeben, Erschütterungen, Geheimgänge oder unglaublich klare Bergseen gibt. Jede Erzählung ist eine Wanderung durch diese Menschenlandschaften.

5. Sie sind in einigen literarischen Verbänden tätig. Was liegt Ihnen bei Ihrer Arbeit am Herzen?
Ob Syndikat, PEN oder Verband der Schriftsteller, ob GEDOK oder Verband der Deutschen LiebesromanautorInnen: Ich möchte grundsätzlich klar zu machen, dass professionelles Schreiben ein Beruf ist. Es gilt ihn zu lernen und mit sehr viel Zeit, Übung, Disziplin und Handwerk auszuüben. Es ist kein spaßiges Hobby, was wir aus dem Handgelenk heraus erledigen, oder gar von einer diffusen Inspiration getrieben in einem Rausch ausspucken.
Nur der Genius reicht nicht, um ein 400-Seiten-Machwerk lesbar zu gestalten – Schreiben ist, wenn man es dekonstruiert, ein Bauwerk aus Psychologie, Menschenkenntnis und Merkfähigkeit, Allgemeinbildung, Spezial­wissen (Krimi, historischer Roman, Fantasy, SciFi!), Recherche (Orte, Berufe, Technik, Schiffe fahren…), Empathie, Rückenschmerzen, 1000 und eine Schreibtechnik (Stilebenen halten, Dialoge, Humor, Wortwahl), Dienstleistung (denk an den Leser, nicht an deine „Botschaft“!), Risikolust, Vorplanung (Figuren-Ensemble, Motive, Anfang und Ende festlegen, der Weg dorthin), Theaterdramaturgie, Initiative, Selbst­motivation, Selbstverantwortung, Durchhaltevermögen, ein Hauch Asozialität (Einkaufen? Aufräumen? Wieso?), die Einsicht, dass ein Lottogewinn wahrscheinlicher ist als der Bestseller, Mut zum Wegstreichen und Neuschreiben, zwischendurch andere Jobs erledigen um Steuern, Miete und Druckpapier zu bezahlen … kurz gesagt: Damit es hinterher leicht und spannend ist, legen sich SchriftstellerInnen 24/7 so ins Zeug wie sonst Kampftaucherinnen, Dauerläuferinnen und Feuerwehrleute. Und wissen trotzdem nie, ob es was wird.
Als Journalistin habe ich das Handwerk gelernt und das auf das erzählende Schreiben übertragen. Ich mag es, den Nachwuchs zu trainieren und zu motivieren, ich lehre gerne.
Ich engagiere mich genauso für den Stand der Frauen in dem Kultur- und dem Literatur­betrieb. Es ist erschreckend, wie wenig sich in den letzten dreißig Jahren getan hat; es werden immer noch mehr männliche Kollegen rezensiert, mit Preisen ausgezeichnet, erscheinen öfter im TV und auf Bildern, sind in Entscheiderpositionen der Festivals, Verlage und Kulturredaktionen. Wie würde die Welt mit einer geschlechter-ausgewogenen Kultur aussehen? Was wäre, wenn die Literatur weiblich wäre, so, wie sie jetzt sehr männlich ist?
Eine der aktuellen Themen ist natürlich die Urheberrechtsdebatte. Es ist erstaunlich uncool und zu häufig auch erschreckend uninformiert, wie eine Gruppe Technokratie-Apologeten das Menschenrecht Urheberrecht behandelt, und als altmodischen Bremsklotz im Internet darstellt. Das wäre so, wie das Arbeitsrecht als veraltet zu schimpfen, um mehr unbezahlte Überstunden einfordern zu können, oder das Persönlichkeitsrecht als überholt, um endlich mehr Überwachungskameras einzusetzen.
Wie wollen wir mit Kulturgütern im Internet umgehen, wie mit der technokratischen, unempathischen Netzpolitik, die die Leistungen von zwei Millionen Profikreativen ständig negiert, wie können wir klar machen, dass es ohne adäquate Bezahlung im Web auf Dauer keine Kultur mehr geben wird? Wie können wir daran erinnern, dass Literatur zwar auch ein Einkommensberuf ist – aber auch ein Seelenlebensmittel, ein Demokratieinstrument, eine Technik wider Diktatur und Unterdrückung, für deren Ausübung in so vielen Ländern der Welt immer noch AutorInnen eingekerkert oder ermordet werden? Das Urheberrecht bewahrt die Entscheidungsgewalt jedes Autoren über das Werk, das er erarbeitet hat. Es schützt es vor Zensur und davor, nur unter „geschäftlichen“ Aspekten geprüft und vertrieben zu werden. Es ist ein Schutz menschlicher Freiheit, und sollte nicht leichtfertig auf dem Altar des Geldes oder der schnellen, schicken Technik geopfert werden.
Wie können wir dennoch neue Lizenzen und Nutzungsrechte für Nutzer auf der Basis des Urheberrechtes entwickeln, um erweiterte, praktische Lösungen für z.B. Lesende und ihre Bedürfnisse und Geräte zu bieten? Wie kann jeder im Internet auf den ersten Blick erkennen, ob ihn ein illegales Filesharingportal versucht, abzuzocken und in die Abmahnfalle zu locken? Wie können wir sichtbar machen, dass das Urheberrecht für jeden Menschen und seine Arbeiten Schutz und Respekt garantiert? Wie darüber aufklären, dass nicht das Urheberrecht „schuld“ an DSL-Drosselungen, E-Bookpreisen oder Abmahn-Geiern ist? Das sind die Aufgaben, denen wir uns in den kommenden Jahren immer wieder stellen müssen. 

6. Welche Träume möchte sich die Schriftstellerin Nina George noch erfüllen?
Ich möchte noch „Wege“ gehen, wie die Via Francigena über den St. Bernhards-Pass, wie den Malerweg im Elbsandsteingebirge, wie lange Trecks durch Kanada. Ich möchte auf der Chinesischen Mauer mein Tai-Chi-Schwert schwingen und für 100 Tage Schiffsreporterin auf der Queen Mary 2 sein. Ich möchte mit meinem Mann einen Katzen-Thriller nach dem nächsten schreiben, und mit einem alten Porsche 911 Targa an der Amalfiküste entlang brausen. Ich möchte ein halbes Jahr in New York leben und in Paris. Ich möchte Stephen King gern persönlich sagen, wie viel mir seine Arbeit für mein Leben bedeutet.

(© Nina George)


In den nächsten Tagen folgt der zweite Teil des Interviews, in dem Nina George über ihren neuen Roman Das Lavendelzimmer spricht. Die Rezension zu diesem Roman könnt ihr euch HIER noch einmal anschauen.


Kommentare:

  1. wirklich sympathisch - wie schön, dass du Interviews machst. Ich schreibe ja auch manchmal welche, das ist echt toll zu lesen (:
    Alles Liebe,
    Neele

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  2. Gefällt mir gut, schön gemacht =)

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  3. Solche Interviews finde ich immer klasse!
    Mach weiter so :)
    lg Katharina
    http://ilyaquelaveritequiblesse.blogspot.de/

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  4. Schönes Interview! Bloß die BücherFrauen fehlen noch, obwohl - zwischen den Zeilen kommen sie vor. Wir wärs, auf der Jahrestagung in Hamburg machen wir ein interview, und das erscheint dann bei den BücherFrauen und hier. What do you think about that?

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  5. Petra: "Es ist erschreckend, wie wenig sich in den letzten dreißig Jahren getan hat; es werden immer noch mehr männliche Kollegen rezensiert, mit Preisen ausgezeichnet, erscheinen öfter im TV und auf Bildern, sind in Entscheiderpositionen der Festivals, Verlage und Kulturredaktionen. Wie würde die Welt mit einer geschlechter-ausgewogenen Kultur aussehen? Was wäre, wenn die Literatur weiblich wäre, so, wie sie jetzt sehr männlich ist?", schreibt Nina. Kann mir mal einer erklären, warum die Frauenquote bei Lesungen immer so hoch ist? Männer schreiben und bekommen Preise, Frauen lesen, was Männer für sie auswählen? Ist das wirklich so?

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  6. Sehr interessant auch mal so eine Art Blog kennenzulernen. Werde mal ab und zu hier wieder vorbeischauen :)

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