Freitag, 31. Mai 2013

Autoreninterview: Nina George und "Das Lavendelzimmer" II



Teil II: Zwischen den Zeilen bei… Das Lavendelzimmer


 
(© Nina George)

1. Woher stammt die Idee der literarischen Apotheke, die sich auf einem kleinen Kutter befindet?
Ich habe vor einigen Jahren, vor meiner Heirat, festgestellt, dass Krimis und Abenteuer-Fantasy (ohne dieses Liebesgedöns) ein unglaublich effektives Heilmittel gegen Liebes-kummer sind. Dann habe ich nach weiteren Büchern gesucht, die bestimmte Leiden mildern oder eine Antwort auf stumme Fragen sind. Als ich 2012 von Kästner las, der in den Dreißiger Jahren eine „Lyrische Hausapotheke“ erdachte, mit Versen zu allerlei Gemüts-zuständen, fügten sich die Dinge zusammen. Außerdem hatte ich lange gegrübelt, welchen Beruf Jean Perdu ausüben soll. Er war in der Vorplanung schon mal Klavierstimmer, Restauranttester und Hotelconcierge. Und während ich schon am Roman „baute“, veränderte sich Perdus Buchladen immer wieder, bis er letztlich auf die flämische Penische „Lulu“ zog und zur schwimmenden „pharmacie litteraire“ wurde.


2. Im Buch heißt es in Bezug auf E-Book-Lesegeräte „…waren diese Geräte die Erfindung des Jahrhunderts. Für Buchhändler ein weiterer Sargnagel.“ Was halten Sie von E-Books?

Ich mag E-Books. Sie vereinen viele Vorteile – Platzsparend, transportierbar, große Auswahl, Suchfunktion, „Markierungen“ mit anderen Lesern teilen und austauschen, Größeneinstellung der Buchstaben für Kursichtige… (wenn man denn Platzsparend leben will oder seine Lieblingszitate mit anderen teilen. Ich liebe meine Bücherwände, ich lebe in 3000 gedruckten Büchern und fühle mich sehr wohl. Nur einen Tolino ins Regal zu stellen würde mich nicht befriedigen).
E-Books spülen allerdings eine immense Zahl an neuen Sorgen mit sich. So ist das luftige Trägermedium, das nur eine kleine verhuschte Minidatei darstellt, eine perfide Einladung, den Inhalt und die Arbeit, die sich darin verbirgt, als „luftig“, „klein“ und „unwichtig“ erscheinen zu lassen. Der inhaltliche, moralische, haptische Wert des Buches reduziert sich auf die Technik, ihre Instabilität und ihre Flexibilität. 800 KB, das benötigt nicht mal eine Sekunde, um kopiert, zerstört oder gestreamt zu werden. Niemand muss zu Ladenöffnungszeiten ein Buch kaufen oder gar warten, bis es geliefert wird. Keiner muss sich mit einem Buchhändler streiten, ob er wirklich der richtig Partner für das Buch ist . Jeder kann zu jeder Zeit eine winzige Datei umher schieben. Dadurch verändert sich das Image des Buches und damit des Inhaltes. Und auch, wie die Arbeit der daran Beteiligten, wert geschätzt wird. Nämlich geringer.
Niemand würde gedankenlos in Buchläden Romane stehlen. Im Internet aber ist so eine kleine Datei ein Fliegenschiss, rasch geklaut, sieht ja keiner, kann doch nicht so schlimm sein.
Doch. So mancher Verlag und AutorIn hat durch E-Book-Piraterie bereits dreißig Prozent Umsatzverlust. Auch der Buchhändler, an dem das E-Book vorbei gereicht wird. Auch ich. Im letzten Quartal 2012 etwa wurde eines meiner Anne-West-Bücher 20.000mal auf den drei illegalen Portalen, die ich beobachte, herunter geladen, gestreamt oder getauscht. Gekauft wurde es legal 120 mal. Wenn nur jeder zehnte oder zwanzigste der Diebe seine sechs Euro für das Buch gezahlt hätte, und ich davon meine 97 Cent Tantiemen erhielte, wären das knapp 1000 bis 2000 Euro. Die fehlen mir, garantiert, in jedem Quartal, Tendenz steigend. Ich verzichte also jetzt schon auf 4000 Euro im Jahr, weil es Leute gibt, die grundsätzlich nie für E-Books, Songs oder Filme im Web zahlen wollen. Das schadet all jenen, die natürlich für Leistung zahlen; nicht umsonst beschweren sich LeserInnen zu Recht: „Mit dem Kopierschutz auf Ebooks wird uns indirekt vorgeworfen, dass wir alle illegale Sauger sind.“ Ich weiß dagegen, dass es nur eine kleine Gruppe ist, die uns Autoren aussaugt, als seien wir Mindermenschen. Scheint eine Frage der mangelnden Empathie und des schwachen sozialen Empfindens zu sein, der da fehlt.
Diese Fliegenschissmentalität – ist doch nur so ’ne lütte Datei, tut doch keinem weh wenn ich die mal auf Platte lade – äußert sich auch in politischen Absurditäten. Wie den Vorschlägen der Netzpolitiker, die z.B. Ebookpiraterien UND jeden Kauf von digitalisierten Werken im Web mit einer Flatrate abdecken wollen. Mal abgesehen davon, dass damit das Einkommen jedes Berufsschreibers, -komponisten, -filmemachers – fotografen, -Softwareentwicklers… kollektiv für immer vermindert UND gleichzeitig gedeckelt wird, zeigt die KF deutlich, wie gering die Arbeit der etwa 5-10 Beteiligten pro Buch, geschätzt wird. Stellen Sie sich mal vor, Ihr Lohn würde gekürzt, es gäbe keine Beförderungsperspektive, und Überstunden natürlich auch nicht bezahlt. Sie wären vermutlich nicht sehr glücklich damit.
Wir Berufskreative liefern das Benzin, mit denen heutzutage die Maschinen laufen – Tablets, Handys, Google. Ohne Songs, Filme, Texte, Fotos, Games, wären alle diese teuren Geräte nur elektronische Luxusgüter fürs Online-Shopping. Schon die normalmenschliche Fairness gebietet, die Inhaltsbesorger gerecht zu entlohnen, anstatt nur die Gerätehersteller und W-LAN-Betreiber.
Kurz: Das Ebook selbst ist fantastisch, sexy und anregend. Es ist ein neues Trägermedium für „Geschichten erzählen“. Kein Grund, sich darüber zu mokieren; als nächstes kommt vielleicht oder Gefühlsimplantate, wer weiß.
Es ermöglicht Lesenden neue Genussmöglichkeiten (hey, die Reader leuchten im Dunkeln! Man kann unter der Decke lesen ohne Taschenlampe!), und Nachwuchsautorinnen neue (Selbst)Publikationsmöglichkeiten. Diese fallen nicht mehr in die Hände der Pseudoverlage und Vanity-Press Druckkostenzuschuss-„Verlage“, die so tun als sei es Usus, dass AutorInnen dafür bezahlen, gedruckt zu werden! Ist es nicht. Es ist ein dreckiges Geschäft mit der Hoffnung, gegen das sich u.a. auch das „Fairlag“-Bündnis engagiert. Doch drei Prozent der Newcomer fallen immer noch darauf rein, und schießen zwischen 800 und 20.000 Euro (!) in den Wind, um sich gedruckt zu sehen, aber nicht mal im regulären Buchhandel verkauft zu werden! Diese Abzocker-DKZV haben mit dem E-Book-Selfpublishing eine ernsthafte, wichtig, nötige und vor allem: extrem kostengünstige Konkurrenz bekommen.
Auch für etablierte AutorInnen sind E-Books ein anregendes Spielfeld. Mal eben eine Anthologie von Kurzgeschichten heraus bringen? Oder die Backlist elektronisch wieder auflegen (Wenn man das will – ich bin froh, dass meine Frühwerke den Lesenden nicht mehr belästigen …). Oder um mit ambitionierten LeserInnen neue Wege zu gehen: Wünsch-dir-was-interaktive-Romane, Mitschreibe-Geschichten, Online-E-Book-Kurse… es gibt viele Möglichkeiten, die den bisherigen Literaturbetrieb ergänzen werden. Nicht immer sind es gute Einkommensmodelle, aber für die künstlerische Entwicklung spannend. Man muss sich allerdings Experimente „leisten“ können, finanziell als auch von der Zeit. Ich hatte nie so wenig Zeit wie in den bisher 17 Jahren meiner Selbständigkeit.

 
(© Nina George) 


3. Jean Perdu und seine Manon zelebrieren das Tangotanzen regelrecht. Teilen Sie dieses Hobby mit den Romanhelden?
Nein. Aber ich kenne einen Tanguero – Jac. Toes – der mich so intensiv instruiert hat, dass ich zu fühlen lernte, was der Tango für eine Wahrheit besitzt.

4. Der Roman ist auf charmante Weise unglaublich lebensklug. Woher stammen all die „klugen Sätze“ und „philosophischen Auffassungen“ von der Welt und den Dingen?
Von mir, gezwungenerweise.
Es ist hilfreich, etwas länger gelebt zu haben, um Romane zu schreiben. All die Einsichten, Erfahrungen, Widersprüche, Gedanken, die hat keiner mit 20 oder 30, woher denn auch?
Meine Buchfiguren geben auch mir jedes Mal die Gelegenheit auszudrücken, wie ich die Welt sehe, verstehe, welche Dinge ich über Menschen erzählen will, und über welche schweigen.

5. Unter dem Pseudonym Anne West sind Sie für erotische Literatur bekannt. In „Das Lavendelzimmer“ wird aber auf ausgeschmückte Erotikszenen verzichtet, obwohl sie an der ein oder anderen Stelle hätten stehen können. Stattdessen schwingt eine gewisse Erotik unterschwellig mit. Haben Sie ganz bewusst auf diese Szenen verzichtet?
Erotik ist ein Gewürz, keine Zutat, sofern es sich nicht um explizit erotische Literatur handelt. Entsprechend „prisenhaft“ gehe ich damit um. Die sinnlichen, körperlichen „Stellen“ im „Lavendelzimmer“ habe ich mit Bedacht so erzählt – das Zögern, das Gehemmtsein, aber auch das Enthemmtsein – hat den Charakter meiner Figuren ausgeleuchtet. Ich bin davon überzeugt, dass in Romanen, die keine Erotika darstellen, jede Szene mit sexueller oder erotischer Konnotation einen ganz präzisen Sinn erfüllen muss. Um einen Konflikt darzustellen. Um die Schwächen einer Figur aufzudecken. Um ein Gefühlsleben in Handlung zu übersetzen, was man nicht erklären kann, sondern nur in Handlungen zeigen.
Ansonsten freue ich mich, dass Sie sagten, es schwinge eine gewisse Erotik (die ganze Zeit) über mit. Das ist die Lebensspannung, die ich vermitteln wollte. Zu Leben, wirklich im Leben zu sein, ist ein Ausdruck des Eros. Riechen. Essen. Wind und Salzwasser auf der Haut spüren. Kochen. Lachen. Leben als solches ist jenseits sexueller Zweisamkeit unglaublich sinnlich. Und Perdu muss diese Sinnlichkeit wieder finden. Ich persönlich glaube daran, dass der Körper unsere Emotionen viel stärker beherrscht, als wir es als ach so intellektuelle Wesen zugeben wollen. Aber schon der Fahrtwind auf einem dahin gleitenden Flussschiff kann für tiefstes Lebensglück sorgen.

6. Der Roman erweckt den Eindruck, als sei für ihn eine aufwendige Recherche notwendig gewesen. Wie aufwendig war diese wirklich? Haben Sie Jeans Reiseweg vielleicht selbst einmal zurückgelegt?
Das allerschönste an der Vorplanung für meine beiden letzten Romane, Die Mondspielerin als auch Das Lavendelzimmer, war die vor-Ort-Recherche. Sie ist Zeit- und Kostenintensiv, dafür spart man dann halt. Das ist neben der reinen Schreibarbeit auch eine Investition, die zur Literatur wie ich sie erzählen will, zwingend dazu gehört. Google Streetview oder ein Fotoband wird nie ersetzen, was man selbst erkunden kann.
In der Bretagne war ich zweimal über mehrere Wochen. In Paris für meinen Geschmack zu kurz, und da vorwiegend in dem Marais-Viertel, das ich im Lavendelzimmer beschreibe. In der Provence bin ich mit einem Kleinwagen und Mann 14 Tage lang knapp 1300 Kilometer kreuz und quer durch die Gegend geheizt, auf der Suche nach den Spielorten, die zu der Geschichte passen. Ich habe in dem Taubenschlag in Bonnieux gelebt, in dem Blauen Zimmer in Sanary-sur-mer, habe in Les Lecques Muscheln gegessen wo es auch Perdu auf seiner Reise tut, den Anleger in Avignon gefunden, und mir die Kanäle angeschaut, über die die drei Suchenden von Paris bis in den Süden fahren. Und im Vaucluse haben mein Mann und ich versehentlich auch noch Ort und Figuren für unseren Katzen-, Provence- und de-Sade-Thriller „Commissaire Mazan und die Erben des Marquis“ gefunden, den wir als „Jean Bagnol“ zur Buchmesse vorstellen. Dieses Finden war ein Glücksgriff, der uns nie geschehen wäre, wenn wir daheim auf dem Sofa darauf gewartet hätten, dass die Musen uns mal küssen. Das tun sie nie – man muss raus und was wagen, um zu schreiben.

 
(© Nina George)

An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei der lieben Nina bedanken, nicht nur für dieses tolle, eindrucksvolle Interview sondern auch für den unkomplizierten Kontakt. Am meisten aber danke ich ihr dafür, dass sie mich (und auch alle anderen) an ihren inspirierenden Gedanken hat teilhaben lassen.

Kommentare:

  1. Finde ich ja mal interessant und cool, dass eine Autorin ein Interview für einen Blog gibt :) und auch schön die Hintergedanken davon zu lesen.

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  2. Toller Post, sehr Interessantes Interview :)

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  3. Wow, finde ich sehr super, dass sie dir die Fragen beantwortet hat!
    Macht sie gleich sehr sympathisch.

    LG Celly von [a href="http://idatebooks.blogspot.de"] I date books [/a]

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  4. Freut mich, dass euch das Interview gefällt! Es ist in der Tat sehr spannend...

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  5. Interessantes Interview, ich mag Ihren Schreibstil. Vielleicht sollte ich auch mal ein Buch von ihr lesen :)

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