Mittwoch, 22. Mai 2013

Sarah Kirsch – eine der bekanntesten Lyrikerinnen Deutschlands gestorben

"Mit dem Tod Sarah Kirschs verlieren wir, verliert die deutschsprachige Literatur
eine ihrer wichtigsten, eigenwilligsten und poetisch kraftvollsten Stimmen."
(Thomas Rathnow, DVA) 
 
(© DVA)

Heute gab die Deutsche Verlags-Anstalt bekannt, dass die beliebte Lyrikerin Sarah Kirsch bereits am 5. Mai 2013 im Alter von 78 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit gestorben ist. 
Die Lyrikerin wurde im Jahr 1935 unter dem Namen Ingrid Hella Irmelinde Bernstein in Limlingerode im Thüringer Südharz geboren. Sie heiratete 1960 den Lyriker Rainer Kirsch, doch sollte diese Ehe nur acht Jahre halten. Seit ihren ersten Veröffentlichungen ab den 1960er Jahren nutzte die Lyrikerin das Vornamen-Pseudonym „Sarah“ und wurde somit als Sarah Kirsch bekannt. Mit diesem jüdischen Vornamen drückte sie ihren Protest gegen den Holocaust aus.

(© Roger Melis)

Im November 1976 gehörte sie zu den Mitunterzeichnern des Protestbriefes gegen die Ausbürgerung des Schriftstellers und Liedermachers Wolf Biermann. Daraus ergab sich für sie aber im Folgejahr der Ausschluss aus der SED und dem DDR-Schriftstellerverband. Daraufhin zog Sarah Kirsch für kurze Zeit nach Westberlin, bevor sie als freie Schriftstellerin und Malerin nach Schleswig-Holstein ging. Eine Berufung der Berliner Akademie der Künste lehnte Sarah Kirsch 1992 ab mit der Begründung, dass diese ehemaligen Stasi-Mitarbeitern Unterschlupf böte. Stattdessen war sie als Professorin in Kassel und als Gastdozentin in Frankfurt am Main tätig.

(© picture-alliance, dpa)

Für ihr dichterisches Werk wurde Sarah Kirsch mit vielen Preisen geehrt, so etwa mit dem angesehenen Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 1993, dem Georg-Büchner-Preis 1996, dem Jean-Paul-Preis 2005 oder dem Johann-Heinrich-Voß-Preis 2006. Sarah Kirsch thematisierte in ihren Gedichten die Enge des eigenen Landes und die Utopie der Flucht. Bekanntheit erlangte sie aber vor allem mit ihren Naturgedichten, die sie nach dem Verlassen der DDR schrieb. Stets betonten Kritiker oder andere Autoren das Erotische aber auch das Herbe in ihrer Lyrik. 

(© picture-alliance, dpa)

HIER findet ihr einen Nachruf vom Deutschlandradio mit Lesungsmitschnitten der Lyrikerin und weiteren interessanten Informationen. Und auf Wunsch füge ich gern ein bekanntes Gedicht der Lyrikerin an: Die Nacht streckt ihre Finger aus.


Die Nacht streckt ihre Finger aus
Sie findet mich in meinem Haus
Sie setzt sich unter meinen Tisch
Sie kriecht wird groß sie windet sich

Und der Rauch schwimmt durch den Raum
Wächst zu einem schönen Baum
Den ich leicht zerstören kann –
Ich rauche einen neuen, dann

Zähl ich alle meinen lieben
Freunde an den Fingern ab
Es sind zu viele Finger, die ich hab
Zu wenig Freunde sind geblieben

Streckt die Nacht die Finger aus
Findet sie mich in meinem Haus
Rauch schwimmt durch den leeren Raum
Wächst zu einem Baum

Der war vollbelaubt mit Worten
Worten, die alsbald verdorrten
Schiffchen schwimmen durch die Zweige
Die ich heut nicht mehr besteige

(aus: S.K.: Zaubersprüche. Gedichte, 1974)

Kommentare:

  1. dein design ist sehr schön.
    ich kenne die lyrikerinn nicht und hätte es schön gefunden wenn du ein paar auszüge hinzugefügt hättest.
    aber es ist toll mal einen blog zu lesen der auch über etwas anderes schreibt als beauty. (:

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    1. Ich habe ein Gedicht beigefügt... ein sehr guter Hinweis :)

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  2. KLasse! Und toll, wie schnell du auf KOmmetare reagierst!

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  3. Ich kannte sie gar nicht... Soll sie in Frieden ruhen!
    Das find ich schön: "Der war vollbelaubt mit Worten
    Worten, die alsbald verdorrten"
    lg
    Esra

    http://nachgesternistvormorgen.de/

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  4. Hey,
    sehr schade... ich kannte sie nicht, aber klingt nach einer sehr interessanten Person.
    Habe mich über deinen Besuch auf meinem Blog gefreut und bin jetzt mal bei dir. Folge dir auch gleich.

    LG Celly von http://idatebooks.blogspot.de

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  5. Wow, du hast wirklich eindrucksvolle Bilder verwenden, deine Texte lesen sich leicht, danke!

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  6. Ich kannte sie überhaupt nicht =/

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  7. Sarah Kirsch begleitet mich seit meinem 14. Lebensjahr; Ihre Gedichte geben mir Kraft, trotz ihrer Melancholie. Wenn ich sie lese, fühle ich so etwas wie Heimat. Ich danke der Lehrerin , die ihre Gedichtbände vor über 35 jahren in die Gymnasialbibliothek investierte; Natürlch hatte ich kein Geld, um sie zu kaufen, und dann habe ich die Gedichte einfach in mein Tagebuch abgeschrieben; Ihre Gedichte sind wie ein Leutchtturm in der Brandung

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  8. Sarah Kirsch begleitet mich seit über 35 Jahren seitdem ich einen Gedichtband in unserer Gymnasialbücherei entdeckt habe. Vielen, vielen Dank für die Lehrerin die diese Investition gewagt hat ,den zu dieser Zeit war sie noch nicht "etabliert" wie heute. Ihre Gedichte sind wie ein Fels in der Brandung trotz ihrer Melancholie und latenten Kritik. Es ist so etwas wie "Heimat" in dieser Welt ohne Wurzeln.

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