Sonntag, 12. Mai 2013

Thema des Monats "Weltliteratur" II

Teil II: Weltliteratur heute


Letzten Sonntag wurde festgestellt, dass Johann Wolfgang Goethe den Begriff „Weltliteratur“ prägte. Er verstand Weltliteratur als ein Phänomen der internationalen Kommunikation und gegenseitigen Rezeption. HIER gelangt ihr noch einmal zum Post.

(Copyright: Scholz & Friends Identify)
Die Plastik "Der moderne Buchdruck" wurde während der Fußball-WM 2006 in Berlin aufgestellt.


Es ist ohne Zweifel festzustellen, dass wir heute ein anderes Verständnis dafür haben, was Weltliteratur ist, als es Goethe zu seiner Zeit hatte. In der Neuzeit gab es viele neue Ansätze in Bezug auf die Weltliteratur, denn man versuchte, einen neuen Zugang zu diesem Begriff zu bekommen. Zudem wurde eine Definition angestrebt. Erich Auerbach (1892-1957) beispielsweise beklagte den Verlust der literarischen Vielfältigkeit der Welt und stellte deshalb die Frage, inwieweit Goethes Vorstellungen von der Weltliteratur für die Gegenwart noch zustimmen. Durch die Angleichung der verschiedenen Literaturen sei der fruchtbare Boden für den literarischen Austausch verloren. Deshalb müsse man verstärkt an der Herausarbeitung der Verschiedenartigkeit und Vielfältigkeit der Literaturen arbeiten.

Dies entspricht der Vorstellung von Weltliteratur, die sich im frühen 19. Jahrhundert ausbildete. Man ging davon aus, dass die Fähigkeit zur Schaffung von Poesie und Literatur ein allgemein menschliches Gut sei. Heute verstehen wir Weltliteratur als „Kanon der nach den jeweiligen ästhetischen Normen als überzeitlich und allgemeingültig angesehenen literarischen Werke aus dieser Gesamtliteratur“. Es geht also um allgemeine, überzeitliche, überregional gültige Literatur, d.h. Literatur muss über die Grenzen einer Nation hinaus in vielen anderen Nationen gelesen werden, wenn sie zur Weltliteratur zählen will. Zudem muss sie über die verschiedensten Zeiten hinweg beliebt und bedeutsam sein.

Doch wie ist es zu erklären, dass Werke der unterschiedlichsten Qualität, Form und Gattung zur Weltliteratur gezählt werden? Denn man spricht sowohl in Bezug auf die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm von Weltliteratur, als auch in Bezug auf Sir Arthur Conan Doyle`s Sherlock Holmes-Romane. Und auch Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf oder Joanne K. Rowlings Harry Potter-Romane werden zur Weltliteratur gezählt. Es scheint also nahezu unerklärlich, warum ein bestimmtes Werk das Interesse der Leser auf der ganzen Welt trifft, während ein anderes zwar die einheimische Nation beeindrucken kann, aber über die Grenzen hinweg kaum Beachtung findet.

Welche Werke würdet ihr nach diesem Verständnis zur Weltliteratur zählen? Was MUSS man in euren Augen einfach gelesen haben? Meint ihr, Weltliteratur muss eine besondere Qualität aufweisen?

Kommentare:

  1. Hallo ,

    ein interessantes und umfangreiches Thema. Ich bin der Meinung, das man Weltliteratur erst als solche bezeichnen und erkennen kann, wenn man Rückblickend mit einem großen zeitlichen Abstand auf das Schaffen eines Schriftstellers oder eines lierarischen Werkes Buch sein,welches einen großen "Nährwert" für eine bestimmte Zeit oder Generation hatte, oder inhaltlich die Leser über Gernerationen geprägt hat. So z.B. "Die Leiden des jungen Werther" der ja als Schlüsselroman der Sturm und Drang Epoche zählt. Oder die Kinderbücher von Astrid Lindgren, weil Lindgren einfach diese unvergleichbare Fähigkeit hatte, die Welt mit Kinderaugen zu sehen, und Kinder als vollwertige Menschen der Gesellschaft. Ich glaube man könnte noch ganz viel zu dem Thema schreiben, aber da würde ein Sonntag-Nachmittag wohl nicht reichen ;)

    Liebe Grüße
    Mary
    http://decobooks.blogspot.de/

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    1. Eine sehr interessante Antwort... der Blick auf die Bedeutung eines Werkes in seinem überzeitlichen Kontext gefällt mir sehr gut!

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  2. Generell finde ich es wichtig, wenn man ein paar Bücher von Brecht, Goethe, ok gut allen Autoren die auf dem Bild stehen, gelesen hat.
    Ich bin dabei meine ganz persönliche "musst du mal gelesen haben Liste abzuarbeiten ^^
    ich komme im Moment nur leider viel zu selten dazu..

    ~ Nira

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  3. Ich glaube, du hast die Wichtigsten bereits genannt. Es geht tatsächlich darum, welche Schriften die gesamte Welt begeistern. Und in diesem Zusammenhang geht es eben auch wieder um die Verkaufszahlen, um die Wirtschaft, das Geldschäffeln. Aber das ist ein anderes Thema.

    Für mich zählen auch diese Romane wie Harry Potter sowie die Biss-Reihe zur Weltliteratur. Weil sie Verkaufsschlager sind und wahren. Ob man sie deshalb unbedingt gelesen haben muss, ist eine andere Frage. Ob ich Goethes Iphigenie auf Tauris unbedingt hätte lesen müssen? Wohl eher nein. Weltliteratur hin oder her, ich spiele ja auch kein Fußball, nur weil es DER Weltsport ist.

    Liebst ausm Ruhrpott,
    Bianca von Le Même Contraire
    [nö, das ist keine Eigenwerbung, sondern spielt drauf an, dass ich 1/2 unseres Duos bin ;-)]

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    1. Hallo Bianca,
      ist schon okay. Ich kann es mittlerweile nur einfach nicht mehr sehen, wenn unter einem Kommentar der eigene Link "druntergeklatscht" werden muss.
      Du verstehst sicher, was ich meine.

      Liebst, Sani

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    2. versteh ich vollkommen :) Bin da auch nicht der Fan von, aber das ist doch jedem selbst überlassen, oder? Ich sehe mir auch lieber die Blogs von Leuten an, die einen sinnvollen und interessanten Kommentar hinterlassen haben. Wer lediglich ein "oh, schönes Pic" mit der eigenen Customer URL druntergeklatscht, zu Stande bringt, bekommt im Normalfall ja auch nicht unbedingt Sympathiepunkte. So who cares? :)

      Liebst,
      Bianca

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  4. Vernunfttechnisch würde ich antworten: Weltliteratur muss sowohl Generationen- als auch Nationenübergreifend Menschen beeinflussen können. Also meinetwegen Harry Potter, Herr der Ringe u. Ä.. Bücher, an die man sich auch nach Jahren erinnert und die, sofern man in ein anderes Land geht, dort auch recht bekannt sind.
    Gefühlstechnisch würde ich allerdings kleinere Brötchen backen und sagen, dass auch kleine Werke wie z.B. "Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen" oder dergleichen sehr wohl Weltliteratur sein - auch wenn sie vielleicht nicht überall und in vielen Generationen bekannt ist. Denn letztendlich kann man den Begriff "Weltliteratur" auch so verstehen, dass er ein Werk der Welt ist - und das trifft ja zu. (:

    Ich denke nicht das man etwas gelesen haben MUSS, da Geschmack einfach sehr unterschiedlich ist und im Grunde genommen ist es ja auch schade*, dass viele Werke Menschen so spalten können (wie zB Twilight - wäre das in deinen Augen Weltliteratur?) wie einige Moderne.
    *bzw interessant

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    1. Hey, das ist ein sehr interessanter Ansatz. Wenn auch ein Definition von Weltliteratur als "Literatur der Welt" ziemlich schlecht zu gebauchen ist, da dies ein sehr sehr weites Verständnis erlaubt! Das müsste man sicher eingrenzen, denn sonst könnte jeder Groschenroman, jeder Zeitungsartikel etc. zur Weltliteratur gezählt werden und das ist sicher nicht Sinn der Sache. Aber dennoch ein toller Ansatz, den man nur exakter definieren müsste.

      Zu deiner Frage: Twilight ist in meinen Augen KEINE Weltliteratur. Diese Romane haben das Glück, dass die den Zahn der Zeit oder vielmehr das aktuelle Bedürfnis der Leser nach Vampir-Geschichten getroffen haben. Sie sind in meinen Augen Teil einer großen Geldmaschine, die mit Filmen etc. ausgebaut wurde. Harry Potter hingegen würde ich deshalb zur Weltliteratur zählen, weil die Romane schon viele Jahre veröffentlicht waren, bevor der Hype um sie (vor allem durch die Filme angestachelt) einsetzte. Sie waren bereits in vielen Länder bekannt und in unzählige Sprachen übersetzt, bevor auch hier die Geldmaschine ansetzte. Hinzu kommt, dass die Twilight-Romane innerhalb weniger Jahre hintereinander weg geschrieben und veröffentlicht wurden (2005-2008), um möglichst viel Profit einzufangen. Die Harry Potter-Romane hingegen sind zur Signatur eines ganzen Jahrzehnts, einer eignen Jugend geworden, die damit aufwuchs. (Der erste Roman erschien hier schon 1997, der letzte 2007)

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    2. Ich arbeite gerade am Thema "Weltliteratur" im Rahmen eines Medienseminars, darum interessieren mich eure Gedanken sehr. Nur ist die Frage des Profits vielleicht doch komplexer als man meinen könnte. Friedrich Schiller zum Beispiel stand andauernd unter dem Druck, jährlich ein erfolgreiches Werk zu veröffentlichen, um seine Schulden bezahlen zu können. So könnte man "Wilhelm Tell" ebenso als Bestandteil einer "Geldmaschine" sehen...

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  5. Huch, so eine lange Antwort! Ha, dann sehe ich dass du in die Twilight Falle getappt bist*. hehe.
    Ich stimme dir was Twilight und Harry Potter angeht absolut zu, besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Besagter Vampirroman war vielleicht zufällig eine Marktlücke, die so momentan noch nicht existierte. ^^

    *nicht ernst zu nehmen, natürlich: Twilight ist (meiner Meinung nach) kein gutes Buch aber es spaltet die Geschmäcker schlechthin (;

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  6. Toller Post =)Meiner Meinung nach gehört zu den Büchern, die man gelesen haben sollte, nicht unbedingt eine bestimmte Liste an Autoren oder Büchern, sondern man sollte einen guten Schnitt durch die Epochen haben, die unsere heutige Literatur (und Kultur) geprägt haben - dafür kommt Horaz ebenso in Frage wie Morus, Goethe oder Kafka. Darüber hinaus sollte man sich keine zu engen Bestimmungen auferlegen, was denn gelesen werden muss... ich mag z.B. von Dostojewski "Die Sanfte" am liebsten, obwohl ein Weltliteratur-"Reiseführer" wohl am ehesten "Schuld und Sühne" aufnehmen würde =)

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  7. ich finde es super, dass du auf deinem Blog tiefgründigere Themen ansprichst, mach weiter so!

    würde mich auch über deinen Besuch freuen, vielleicht magst du ja auch was du siehst:)
    alles liebe - www.throughalltimes.blogspot.de

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