Sonntag, 26. Mai 2013

Thema des Monats "Weltliteratur" IV

Teil IV: Weltliteratur und Okzidentalismus



Während der Kolonisierung der Welt durch die europäischen Nationen errang die europäische Literatur paradigmatischen Charakter. So wurden zur Weltliteratur fast ausschließlich die großen Autoren und Werke der europäischen Kultur gezählt. Diese Sicht auf die Literaturen der Welt wirkt noch bis heute. Dieser Okzidentalismus kann als ein Ethnozentrismus verstanden werden, der westliche Werte als universal postuliert und andere Kulturen abwertet. Dementsprechend wird der Kanon der Weltliteratur vom europäischen Zentrum aus festgelegt. Denn was nicht in eine europäische Sprache übersetzt wird, hat keine Chance als Weltliteratur anerkannt zu werden.

Und sieht man sich unter weltliterarischen Werken einmal um, so stellt man tatsächlich fest, dass mit dem Stichwort „Weltliteratur“ häufig US-amerikanische oder europäische Literatur gemeint ist. Seit dem Jahr 2009 wird deshalb von der Stiftung Elementarteilchen und dem Haus der Kulturen der Welt jährlich der Internationale Literaturpreis für herausragende fremdsprachige Titel internationaler Gegenwartsliteraturen und seine deutsche Erstübersetzung vergeben. Damit soll die eingeschränkte Wahrnehmung auf die Literatur erweitert und der Blick auch auf Asien, Afrika oder Lateinamerika gelenkt werden. Mehr Informationen zum internationalen Literaturpreis erfahrt ihr HIER.

Als ein Vorreiter in dieser Unternehmung kann der Unionsverlag und sein Gründer Lucien Leitess gesehen werden. Sein Ziel war es in den 1980er Jahren, „eine Art demokratischer Republik der Weltliteratur“ zu schaffen, „ohne Ansehen der Herkunft und Sprache, des Stils“. Leitess hatte das Ziel, die großen zeitgenössischen Autoren aus aller Welt gleichberechtigt nebeneinanderzustellen. Wie sicher er in dem war, was er damals tat, zeigte sich, als er Mitte der 1980er Jahre die erste deutsche Übersetzung des ägyptischen Schriftstellers Nagib Machfus verlegte, woraufhin dieser im Jahr 1988 für seine Kairo-Romane mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Damit ist Machfus der erste und bis jetzt auch einzige Autor arabischer Sprache mit Literaturnobelpreis. 

Machfus ist ein positives Beispiel dafür, was Literaturpreise bewirken können. Während der Unionsverlag vor der Preisverleihung an Machfus innerhalb von drei Jahren lediglich 300 Romane von ihm verkaufen konnte, wurden noch am Tag der Nobelpreisbekanntgabe 30.000 Exemplare seiner Romane angefordert. Mit der Preisverleihung hatte sich der literarische Interessenhorizont der europäischen Leser scheinbar verschoben.

Welche von der gängigen Literatur abweichenden Werke habt ihr schon mal gelesen? Kennt ihr chinesische, brasilianische etc. Werke, die kaum bekannt sind, die man aber unbedingt mal gelesen haben sollte? Könnt ihr vielleicht sogar Romane empfehlen, über die ich berichten soll? Ich bin gespannt…



Kommentare:

  1. Ich habe auf meiner Vietnamreise die Gedichte von Nguyễn Du kennenlernen dürfen :)
    In Deutschland gibt es, glaube ich, seinen Epos unter dem Titel "Das Mädchen Kiều" zu kaufen. Ich fand es auf jeden Fall spannend - seine Werke gehören in Vietnam zur Schullektüre - eigentlich kennt sie dort jeder :)

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  2. Du schreibst wirklich sehr schön !

    http://page7hundred.blogspot.de/

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