Samstag, 20. Juli 2013

Diskussion zu Handlungsorten in der Fantastikliteratur

Horus W. Odenthal und seine Trilogie Ninragon


 © Horus W. Odenthal

Im Rahmen einer Blogtour wird sich dieser Post mit dem Fantasyabenteuer Ninragon von Horus W. Odenthal beschäftigen. Der Autor wurde mit seiner Trilogie in diesem Jahr gleich in zwei Kategorien im Rahmen des Deutschen Phantastik Preis nominiert. Noch bis zum 28. Juli könnte ihr HIER für seine Texte voten.

Gute Gründe dazu gibt es: Der im Rheinland geborene Horus W. Odenthal nimmt den Leser in Ninragon mit in eine völlig neue Welt. Sie ist zwar düster und voller Geheimnisse, doch lässt sie so manches Herz der Fantasyleser höher schlagen. Denn in diesen Romanen begegnen uns nicht die altbekannten Klischees etwa von gut und böse. Vielmehr bringt uns der Autor neue Themen und Motive näher. Auch sprachlich sind die Texte ein Vergnügen, wenn man es versteht, längeren Darstellungen und Ausführungen zu folgen.

Nachdem bereits auf einigen anderen Literaturblogs Odenthals Texte etwa unter den Gesichtspunkten der Entstehungsgeschichte oder der handelnden Personen besprochen wurden, soll es hier um die Handlungsorte, die sogenannten Settings in den Romanen gehen. Dabei geht es allgemein um die Frage, was die Settings von phantastischer Literatur von nicht-phantastischer Literatur unterscheidet. Brauchen die verschiedenen Genres die unterschiedlichen Welten? Diese Fragen sind sicherlich nicht innerhalb eines kleinen Blogartikels zu beantworten. Vielmehr kann dieser doch sehr weite Themenkomplex hier deshalb nur angeschnitten werden. Um sich den Ausgangsfragen ein Stück weit nähern zu können, sollte man sich auch die Fragen stellen: Was würden die Dinge, die in Fantasy-Romanen geschehen, in der realen Welt bedeuten? Wie würden sie in einer Welt wirken, die nicht nach Gesetzen des Märchens, sondern der wirklichen greifbaren Welt funktionieren?

Wie in vielen anderen Fantasyabenteuern so scheint auch Ninragon von der Realität abweichende Handlungsorte zu fordern, um für den Leser plausibel zu sein. Dies wird etwa deutlich, wenn man die handelnden Personen und ihre Orte betrachtet. Sehr imposant und beeindruckend ist etwa das Bild, welches Odenthal über Himmelsriff, dem Wohnort der Ninraé, der Elfen malt: „Sie war in die Klippe des großen Grabenbruchs hineingebaut, der parallel den hoch sich türmenden, schneebedeckten Graten des Gebirgs entlanglief. […] [S]eine höchsten Massive ragten weit über die Wolken, so dass sich dort selbst die Luft zum Atmen verflüchtigte. Jedoch von seiner westlichen Flanke senkte das Gebirge sich ab und lief in die sanfteren Höhenzüge und Hügel des vorgelagerten Plateaulandes aus, bevor es dann schließlich im jähen Sturz des Grabenbruchs Hunderte von Metern abfiel, hinab zu den Ebenen, die sich dann ohne Unterbrechung bis zum Meer im Westen hin erstreckten. Genau in diesen Sturz hinein hatten die Ninraé ihre große Behausung gesetzt…“ welche nichts weniger ist als eine stattliche Festung mit großen Sälen. Welche Behausung wäre passender gewesen für Elfen und welche ähnliche Behausung hätte ohne weiteres in die reale Welt integriert werden können?

Und auch in anderen Fantastikromanen sind meist Parallelwelten oder Parallelzeiten notwendig, um die Illusion aufrecht zu erhalten, dass etwas scheinbar möglich sein könnte. Das Setting eines Fantastikromans ist meist isoliert von dem unseren, so bspw. in Harry Potter, wo wir den Zugang zu einer besonderen Welt finden müssen, um an ihr teilzuhaben. Die fantastische Welt existiert praktisch parallel zu unserer. Oft handelt es sich aber auch um parallele Zeiten. Hier lebt die Fantasy davon, dass die Handlung lange vor unserer Zeit oder weit nach uns spielt.

Dass phantastische Literatur aber nicht zwingend gewisse Settings fordert, wird an dem Beispiel Twilight deutlich. Auch hier begegnen uns fantastische Wesen, die allerdings „Tür an Tür“ mit den Menschen leben. Anders als etwa bei Harry Potter ist die Welt der Vampire und Werwölfe nicht nur eng mit der unseren verknüpft, sondern man teilt sich dieselbe. Vielleicht bestimmt auch der Grad der Fanstatik in einem Text die Tatsache, ob fantastische Settings oder von der Realität abweichende Handlungsorte gebraucht werden oder eben nicht.

Der Autor Horus W. Odenthal lässt uns an seiner Meinung darüber teilhaben:
Ich finde die Eingangspassage sehr interessant, weil sie genau die Frage formuliert, die auch den Vorwurf zu einem großen Teil des Handlungsentwurfes wenn nicht sogar sogar das Prinzip von „Ninragon“ lieferte: Was würden die Dinge, die in Fantasy-Romanen geschehen, in der realen Welt bedeuten? Wie würden sie in einer Welt wirken, die nicht nach Gesetzen des Märchens, sondern der wirklichen greifbaren Welt funktionieren?
Exakt diese Frage habe ich mir im Blick auf die Tradition der Fantasy-Romane und den eigenen in Angriff genommenen Fantasy-Roman gestellt. Die Art, wie Dinge geschehen, wie Menschen funktionieren, wie auch reale Politik funktioniert, sollte in der Geschichte abgebildet werden. Es sollte keine Geschichte werden, durch die man einfach in eine Welt flieht, von der man genau weiß, sie hat wenig mit dem zu tun, was wir in unserer wirklichen Welt täglöich erleben. Der Leser sollte seine eigene Lebenserfahrung dort wiederfinden. Und bin dabei wieder bei einer Fantasy-Welt gelandet. Einer, die zwar die Themen der Fantasy aufgreift, in der aber die Prozesse nicht nach der Art des Märchens ablaufen. (Denn das ist meiner Meinung nach nicht zwangsläufig. Siehe die neue Welle der Fantasy mit Autoren wie Glen Cook, George R.R. Martin, Joe Abercrombie usw.)

© Horus W. Odenthal

Das Erschaffen von Sekundärwelten, wie Tolkien es nannte, scheint ein Grundbestandteil einer bestimmten Spielart der Fantasy zu sein. Als deren Paten und gleichzeitig Pole stellen sich Tolkien und Robert E. Howard, der Schöpfer von Conan, dar. Dazu durfte ich ja schon auf einer vorherigen Station der Blogtour ein wenig erläutern. Hier sei nur angeführt, dass das eine Ende dieses Spektrum durch die sogenannte (und wie immer auch definierte) Epic Fantasy oder High Fantasy gebildet wird, der Welt der Sagas und Märchen nachempfunden, das andere Ende durch ihren dreckigen Bruder, das Untergenre Sword & Sorcery.
Für mich hat eine Sekundärwelt den Reiz, dass sie die Geschichte offener macht. Gegenüber Interpretationen, die sich dann nicht an Dingen festmachen lassen wie: Ah ja, hier geht es um die Kuba-Krise und die politische Situation zwischen der UDSSR und den USA zu jenem Zeitpunkt. Damals las man folgende Bücher, daher, kann man diese Bemerkung nur als Kommentar zu blablabla verstehen. Konkrete Kommentare zu konkreten Personen und Gegebenheiten werden vermutet und verstellen den Blick auf das allgemeine Thema. Oder man kann und darf es gar nicht mehr ansprechen, weil man die konkret beschriebene Geschichte nicht mehr aus dem historischen und kulturellen Kontext lösen kann.
Bei einer Sekundärwelt ist absolut klar, diese Nationen gab es nie, genauso wenig wie die entsprechenden „historischen“ Personen. Man muss schon mitdenken, um die Nazis dieser Welt zu entdecken. Man kann nicht so schnell Etiketten verteilen.
Der Protagonist von „Ninragon“, Auric der Schwarze, sagt einige Sachen im Roman, über die fast jeder Leser übel gestolpert wäre, hätte ich die Geschichte in unserer Welt verortet. So hat fast niemand sie bemerkt und nur ganz neutral als Äußerungen einer Person verstanden, mit der der Leser sympathisiert. Eine Sekundärwelt hilft dem Leser auch seine Vorurteile loszulassen und unvoreingenommen nur mit seinem Verstand und seinem Empfinden an eine Geschichte ranzugehen.
Und nicht zuletzt ist das Erschaffen einer Sekundärwelt auch ein Teil des Spaßes. (Wobei ich die These wiederholen möchte, dass eigentlich jeder Roman, wie realistisch er auch daherkommen mag, eigentlich eine Sekundärwelt erschafft, egal ob er nun vorgibt, in unserer realen Welt zu spielen.)

© Horus W. Odenthal

Mir persönlich macht es einen ungeheuren Spaß, Orte erschaffen, parallel zu bereits bekannten, ihre Charakteristika zu erkunden, neu zu formen, zusammenzusetzen und zuzuordnen und so auch die Vorzüge von bekannten Orten noch einmal neu auszukosten. Viele meiner imaginären Orte sind aus Orten geformt, die ich aus der realen Welt kenne. So wird es den meisten Schriftstellern gehen.
Damit erschöpft sich für mich aber nicht der Reiz, selbst wenn die Geschichte, vor allem die menschlichen Vorgänge, nach den Gesetzen unserer Welt funktioniert (sieht man von den magischen Systemen einmal ab), dennoch eine Sekundärwelt zu schaffen.
Ein Film liefert oft poetische oder beeindruckende Bilder, die man im täglichen Leben nicht immer so, oder sogar nie sieht. Sie ziehen in die Geschichte hinein, machen den Zuschauer offen für sie.
Die Topoi der Fantasy zu einem Mantel zu stricken und ihn dann zu füllen mit einer Mechanik, die nach den Gesetzen unserer Welt funktioniert, kann eine starke Kontrastierung ergeben und den Leser noch offener und unvoreingenommener an die Fabel herangehen lassen.
Wir haben hier den Glanz jener Welt, dazu die Abgründe der unseren.
Man kann dadurch, dass man gewisse Bedingungen der Fantasy erfüllt, eine sehr große Lesergruppe erreichen. Fantasy ist nicht per se Konsensliteratur, das heißt Literatur, die nur von Leuten gelesen wird, die den im Buch vertretenen Standpunkt ohnehin schon zu ihrem eigenen gemacht haben, die nur Bücher lesen, die ohnehin ihr Weltbild bestätigen. Das ist bei einem guten Teil der Mainstream-Literatur – oder „Nicht-Genre-Literatur oder „Hochliteratur – der Fall.
Ich will dabei nicht sagen, dass das mein Hauptanliegen ist. Mein erstes Bestreben beim Schreiben ist, stets zu unterhalten. Aber es macht eben einen großen Reiz der Fantasy und der Ansiedlung von Geschichten in sekundären Welten aus.

© Horus W. Odenthal

Brauchen die verschiedenen Genres unterschiedliche Welten?
Meist geht man davon aus, das SF und Fantasy Welten fordern, die nach unterschiedlichen, den Genre-Gegebenheiten angepassten Gesetzen funktionieren. Entweder technisch oder magisch.
Ab dem Punkt, an dem man eine Technik nicht mehr versteht, nennt man sie Magie.
Die „Technik“ in Ninragon geht von ganz anderen Prinzipien aus als unsere mechanistische. Sie lebt vom Verstehen und Manipulieren geistiger Prozesse. Man kann das Magie nennen. Aber natürlich funktioniert in dieser Welt auch ganz normale Physik und die Naturwissenschaften.
Die Hochkultur dieser Welt, das Idirische Reich, besitzt eine hochverfeinerte Technik. Was mechanische Verarbeitung angeht oder das Medizinwesen, ist sie den Kulturen unserer Welt vor der Erfindung des Schießpulvers weit überlegen. Zum Beispiel vermag man dort in industriellen Prozessen Dinge herzustellen wie einen künstlichen Glasersatz. Bestimmte physikalische Techniken dieser Welt wurden unendlich verfeinert, während andere Bereiche stagnierten.
Und es gibt in der Geschichte auch einen Ninraé unter den Magie-Studenten, der sich dem Studium der Naturwissenschaften hingibt und damit den anderen hilft, die Prinzipien der Magie klarer zu entwickeln.
Natürlich können in einer solchen Welt auch Dinge geschehen, wie sie eine uns überlegene Meisterschaft physich-materielistischer Techniken hervorbringt. Also solche Dinge, wie sie in SF-Romanen vorkommen.
Wichtig dabei ist die Terminologie nicht die konstituierende Beschaffenheit der Welt.
Das heißt, wichtig ist, wie der Erzähler und mit ihm die Personen, denen er sich annähert, von dieser Welt denken und reden. Das macht für mich den Unterschied zwischen SF und Fantasy. Jedenfalls ist das so in meiner Erzählwelt. Ich kann mir also durchaus vorstellen, dass parallel zum Ablauf der Geschichte von „Ninragon“, zur gleichen Zeit angesiedelt, eine „realistische“ Geschichte oder gar eine SF-Geschichte abläuft und erzählt werden könnte. In dieser Geschichte würde dann über die Welt vielleicht anders geredet und die handelnden, denkenden Personen-Avatare der Erzählers würden vieles von den Vorgängen, wie sie in der Geschichte um „Ninragon“ passieren, nicht wahrnehmen oder sie nicht verstehen oder komplett andere Modelle entwickeln, um sie zu erklären.
Damit kommen wir auch zu einem großen Reiz der Phantastischen Literatur, der Schaffung der großen Kosmologie, des in sich stimmigen Kosmos, der nicht nur einen Roman sondern eine ganze Reihe von Geschichte beherbergen kann.
Eine große Zahl von immer wieder neu geschaffenen Welten eines Schriftstellers, die sich stark von ihrer inneren Logik unterscheiden, laufen Gefahr sich zu relativieren. Eine einzige große Welt zu schaffen, stellte für mich einen starken Reiz dar.
Ich habe das für mich so ausgedehnt, dass ich eine Welt mit einer Logik erschaffen habe, in der, wie oben schon erläutert, Geschichten unterschiedlicher Genres spielen können.
Sowohl „Hyperdrive“ als SF, als auch „Ninragon“ als Fantasy spielen in ein und derselben Welt, nur eben durch eine lange Zeitspanne voneinander getrennt. Aber das ist ein Ausblick, den ich morgen in der abschließenden Blogstation behandeln möchte.

Vielen Dank an Horus W. Odenthal für den interessanten Gedankenaustausch! Wir drücken die Daumen… ;)

1 Kommentar:

  1. In welchem Bezug die Diegese zur "Realität" steht, ist doch eher eine Frage der Fiktionalitätstheorie - auch eine noch so realistische erzählte Welt (wie sie etwa von der Gruppe 47 profiliert wurde) ist ontisch nicht weniger absolut von der nichtfiktionalten Welt getrennt, als Mittelerde. Was aber auch von Standpunkt der Fiktionalitätstheorie abhängt, die man verwendet - in einem panfiktionalen Ansatz mag das different interpretiert werden. ^^

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