Samstag, 5. Oktober 2013

Interview mit Nikola Hahn



 Wer ist... die Autorin und Verlegerin wirklich?


 © Nikola Hahn

1.   Du bist als Kriminalkommissarin tätig, schreibst Bücher und verlegst sie selbst, betreust eine eigene Schreibwerkstatt und betätigst dich zudem noch künstlerisch. Welche Tätigkeit bereitet dir am meisten Freude und wie bekommst du alles zusammen „unter einen Hut“?
Ganz einfach: Ich mag, was ich tue, und ich bin neugierig, will den Dingen auf den Grund gehen, kreativ sein. Das kann ich in beiden Berufen. Deshalb bin ich als Kriminalkommissarin und als Schriftstellerin/Künstlerin gleichermaßen mit ganzem Herzen „dabei“, wobei mein Hauptberuf bei der Polizei natürlich Priorität hat und der Schwerpunkt in meinem zweiten Beruf auf dem Bücherschreiben liegt. Und damit bin ich schon beim zweiten Teil der Frage: Ich bekomme das alles unter einen Hut, weil ich schon immer eine Trennung meiner Berufe vorgenommen habe: Wenn ich morgens zum Dienst fahre, bin ich voll und ganz Kriminalbeamtin. Wenn ich abends nach Hause komme, den PC anschalte, schreibe oder im Netz unterwegs bin, lebt sich die Autoren- und Künstlerseele aus, selbst dann, wenn ich über Fachthemen schreibe oder recherchiere. Dass meine künstlerischen Ambitionen (Malen, Fotografieren) durch meine neuen Buchprojekte nun ebenfalls einen festen Platz gefunden haben, freut mich natürlich besonders.

2.  Welche deiner unzähligen Tätigkeiten hast du als Autodidakt erlernt, für welche wurdest du ausgebildet?
„Von der Pike auf gelernt“ habe ich den Polizeiberuf: ausgebildet wurde ich in der Bereitschaftspolizei; 1990 erfolgte der Wechsel zur Kriminalpolizei, dem sich ein Studium auf der Fachhochschule anschloss (Kommissarslaufbahn). Auch das Schreibhandwerk habe ich von Grund auf gelernt; ich durchlief eine mehrjährige Ausbildung in Belletristik, Lyrik und Journalismus/Sachliteratur. Autodidaktin bin ich in den Bereichen Malerei, Fotografie und als Verlegerin.

3.  Auch innerhalb der Literatur ist dein Spektrum weit gefächert: du schreibst historische Romane, Kriminalromane, märchenhafte Erzählungen, Ratgeber und Geschenkbücher. Was liegt dir am meisten?
Da geht es mir wie mit meinen beiden Berufen: Der „Werkzeugkoffer Sprache“ ist so faszinierend, dass ich gern unterschiedliche Werkzeug herausnehme, um Ideen aufs Papier zu bringen. Mit dem Werkzeug ändert sich die Herangehensweise, das Denken, die Struktur, die Umsetzung der Idee. Wie drücke ich Gefühle in wenigen Versen aus? Wie erzähle ich eine Geschichte aus der Sicht eines Kindes? Wie lässt sich Spannung in einem Krimi erzeugen? Wie kann man Bilder mit Wörtern kombinieren? Wie strukturiere ich ein Handbuch über Vernehmungstaktiken? Teilweise bestimmt sich das Werkzeug nach dem Inhalt, teilweise inspiriert eine Idee zur Verwendung eines speziellen Werkzeugs. Ich kann Gefühle, Ideen, Geschichten mit wenigen Worten in einem Gedicht „schwingen“ lassen, ich kann sie in einer Kurzgeschichte auf die Pointe bringen – oder sie episch erzählend in einen dicken Schmöker packen. Darin liegt für mich der eigentliche Zauber des Schreibens.

4. Du hast deine Bücher sowohl selbstverlegt als auch von einem eigenständigen Verlag herausbringen lassen. Welche Art der Publikation sagt dir mehr zu und warum?
Ganz eindeutig: Das Selbstverlegen. Hier kann ich genau das tun, was mir beim Schreiben so große Freude macht: Werkzeuge auswählen. Ich kann das, was ich erzählen möchte, in die passende Form gießen. Für den Publikationsprozess spielt es keine Rolle (mehr), in welchem Genre ich schreibe oder welche literarische Ausdrucksform ich benutze. Und genau das kann ich bei Ullstein, wo meine historischen Romane erscheinen, nur bedingt oder gar nicht. 

 
 © Nikola Hahn

5.  Wie bist du auf die Idee gekommen, deinen eigenen Verlag zu gründen? Welche Vor- und Nachteile hast du mit der Zeit erkannt?
Ich muss vielleicht noch einen  Satz zur letzten Frage hinterherschieben: Das eine, also Verlegerin zu werden, und das andere, Autorin eines großen (Publikums-)Verlages zu sein, ist in meinem Fall nicht voneinander zu trennen. Als 1998 mein erster Roman publiziert wurde (damals hieß der Verlag noch Econ Ullstein List), war das für mich die Erfüllung meines größten Traums: Schriftstellerin in einem großen Verlagshaus zu sein. Im Laufe der folgenden Jahre habe ich sehr viel gelernt, nicht nur in der Zusammenarbeit mit einem geschätzten Dutzend Lektorinnen, sondern auch, was Strukturen und Abläufe in (großen) Verlagen angeht. Es steht eben nicht unbedingt immer die Kreativität und die Neugier auf Neues an erster Stelle, sondern vor allem die Verkäuflichkeit von Produkten, die zufällig Bücher sind. Aber ich lernte auch, dass es gewisse Notwendigkeiten gibt, und dass man in einem Verlag auch ökonomischen Erfordernissen Rechnung tragen muss. Das Paradoxe war, dass ich mit steigendem Erfolg immer weniger Lust verspürte, so weiterzumachen. Ums kulinarisch auszudrücken: Je mehr Leser meine Erbsensuppe lobten, desto weniger hatte ich den Wunsch, sie noch mal aufzuwärmen. Und obwohl ich meine historischen Romane mit Begeisterung geschrieben hatte, spürte ich schon nach dem zweiten Band das Bedürfnis, eine Pause einzulegen, um mich neu zu sortieren. Um auf die Frage zurückzukommen: Ich hatte überhaupt nicht vor, einen Verlag zu gründen. Ich wollte einfach nur schreiben, was ich schreiben musste. Und das war nun mal „Der Garten der alten Dame“ und kein historischer Krimi. Ullstein wollte das Manuskript aus den genannten Gründen nicht haben, und so habe ich den Roman kurzerhand selbst als eBook herausgebracht. Und als das dann gut lief, war plötzlich die Idee da: Warum nicht einen Verlag gründen? Es folgten Monate der Vorbereitung, des Studiums von Literatur, Einarbeitung in einschlägige Software, unzählige Recherchen im Netz. Inzwischen umfasst das Verlagsprogramm sieben belletristische und einen Sachtitel (über Vernehmung). Die Möglichkeit, Bücher nicht nur selbstbestimmt zu schreiben, sondern sie auch zu gestalten, ist für mich ein so unschätzbares Gut, dass es die Nachteile bei Weitem aufwiegt:
-      Die Verlagsarbeit kostet viel Zeit, die fürs Schreiben fehlt (was sich natürlich bei mir noch gravierender auswirkt, da das Schreiben ja schon mein Zweitberuf ist).
-      Gleiches gilt für die Werbung und PR. Allerdings muss ich das ein bisschen relativieren, (und das mag vielleicht den einen oder anderen erstaunen), denn auch bei Ullstein habe ich noch beim zweiten Roman sehr viel Werbung in Eigenregie gemacht.
-      Ein gravierender Nachteil ist die mangelnde Wahrnehmung und Akzeptanz im Buchhandel. Der Thoni Verlag ist ans Barsortiment angebunden; es gibt eine Verlagsauslieferung, und für die eBooks habe ich einen Distributionsvertrag abgeschlossen, so dass alle Bücher und eBooks nicht nur online, sondern auch problemlos beim Buchhändler um die Ecke bezogen werden können. Und dann bekomme ich Mails von Lesern, dass sie gern dieses oder jenes Buch gekauft hätten, aber der Buchhändler habe behauptet, es sei leider nicht lieferbar. Eine Erfahrung, die übrigens auch andere kleine Verlage machen. Wahrscheinlich scheut man die Bestellung von Einzeltiteln. Ich kann`s nicht sagen.

6.   Wenn du anderen Schriftstellern Tipps mit auf den Weg geben solltest, welche wären das?
1.      Lernt Euer Handwerk.
Was in anderen Berufen selbstverständlich ist, dass man nämlich eine Ausbildung oder ein Studium absolviert, bevor man sagt: Ich bin Bürokaufmann, Maurer oder Lehrer, scheint bei Leuten, die sich Schriftsteller nennen, zuweilen in Vergessenheit zu geraten: Talent hilft, aber es genügt nicht.
2.      Hört auf Kritik.
Wenn sich die Absagebriefe stapeln und die bissigen Kommentare im Netz die positiven überwiegen, sollte das Anlass sein, das Manuskript kritisch unter die Lupe zu nehmen, vor allem dann, wenn mehrere Kritiker das Gleiche bemängeln.
3.      Hört nicht zu viel auf Kritik.
Selbstkritisch zu sein heißt auch, auf die eigene Stimme zu hören. Wenn der Drang da ist, eine bestimmte Geschichte zu erzählen, sollte man das auch tun und nicht auf „Kritiker“ hören, die einem einreden wollen, das Thema sei nicht verkäuflich oder was auch immer.
4.      Gebt nicht auf.
Dass jemand gleich mit seinem ersten Manuskript einen Verlagsvertrag bekommt, ist die Ausnahme und nicht die Regel. Zwischen meinem Anfang als professionelle Schriftstellerin und dem ersten Verlagsvertrag bei Ullstein lagen mehr als zehn Jahre, in denen ich mit Absagebriefen mein Wohnzimmer hätte tapezieren können. Mein Roman „Die Wassermühle“, den ein Verlagslektor bei Eichborn als unverkäuflich ablehnte, erscheint mittlerweile in der siebten Auflage bei Ullstein (und als erweiterte Neuausgabe im eBook auch im Thoni Verlag) und wurde mehr als 40.000 mal verkauft.
Vielen Dank liebe Nikola für deine Mühe und dass du uns einen derart interessanten Einblick in dein Schaffen erlaubt hast! :)
 

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