Freitag, 18. Oktober 2013

Rezension und Videolesung zu "Mittelstadtrauschen" von Margarita Kinstner



Einer der besten Romane des Jahres


 © Deuticke Verlag

Im August 2013 erschien der Debütroman Mittelstadtrauschen der im Jahr 1976 in Wien geborenen Schriftstellerin Margarita Kinstner, die bis dahin einzig in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht hatte.

Der Umschlagtext des Buches sagt bereits Einiges aus: „Als Marie im Café stolpert und einen Kaffee umstößt, lernt sie nicht nur Jakob kennen, sondern setzt damit auch eine Reihe von Geschichten in Gang. Jakob verliebt sich in Marie und trennt sich von seiner Freundin Sonja, die bald darauf jemand anderen trifft: Gery. Er war der beste Freund von Joe - der früher mit Marie zusammen war und sich mit einem spektakulären Sprung in den Donaukanal das Leben genommen hat. Ein mysteriöses Testament taucht auf: Es soll im Prater verlesen werden, nach einer genau geplanten Inszenierung, in  Anwesenheit von Gery und Marie. Ein Reigen von Schicksalen, Träumen und verlorenen Hoffnungen, in einer Stadt, in der die Schönheit und der Abgrund seit jeher nahe beieinanderliegen und der Tod nie weit weg ist, wenn das Leben sich feiert – das Debüt einer neuen Autorin von Rang.“

Was sich zuerst nach einer dieser unzähligen Beziehungsgeschichten anhört, die man als Leser bereits millionenfach zwar leicht variiert aber im Grund doch bekannt und abgelatscht über sich ergehen lassen musste, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als geschickt erdachte Erzählung über das Schicksal. Unter dem Deckmantel von Maries Geschichte, die man als Leser an der Oberfläche wohl zuerst wahrnimmt, handelt die Autorin einige große Themen unserer Zeit ab. Sie philosophiert über Freundschaft, über Sehnsucht und nicht zuletzt über Liebe. Denn „wie ist das mit der großen Liebe (oder auch der keinen)? Schicksal, sagen die weißgelockten Damen, deren Männer schon seit Jahren unter der Erde liegen. Das ganze Leben, nichts als Schicksal. […] Und so unrecht haben sie nicht, die alten Damen, denn wer bestimmt schon, ob man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, oder zur falschen Zeit am falschen Ort, oder zur richtigen Zeit am falschen Ort, oder zur falschen Zeit am richtigen Ort? Wer entscheidet, wenn nicht das Schicksal…“

Und so verbinden sich auf schicksalhafte Art und Weise die Leben von verschiedenen Personen in Wien: die Welt ist kleiner als man denkt, wird dem Leser hier bewusst und auch, dass nichts unmöglich scheint, alles offen ist im Leben. So groß die Stadt Wien auch ist, so scheinbar leicht finden diejenigen Menschen zueinander, die hintergründig ohnehin irgendwie miteinander verbunden waren: sei es durch Jemanden, der Jemanden kennt oder sei es durch unbewusste Begegnungen, denen die Betroffenen zuerst keine Aufmerksamkeit schenkten. Dabei erscheint Nichts im Roman konstruiert, eben Schicksal oder Zufall, denkt man als Leser.  Wo man bei anderen Romanen manchmal die Nase rümpft und denkt 'na klar, das musste ja passieren', das wird in Mittelstadtrauschen schlicht als mögliche Begebenheit hingenommen.

Im Verlauf der Erzählungen spinnen sich so immer mehr Fäden zwischen den handelnden Personen, bis ein dicht gewebtes Netz entsteht, das so Einiges zu Tage fördert. Zu Beginn hat man als Leser manchmal die Schwierigkeit, all die auftauchenden Namen und Menschen einzuordnen und zueinander in Bezug zu setzen. Doch spätestens bei der zweiten oder dritten Erwähnung einer Person, hat man sie am 'richtigen Platz' verortet, um der Geschichte in Mittelstadtrauschen weiter folgen zu können.

Und das ist manchmal gar nicht so einfach. Denn als Leser sieht man sich ständig der Gefahr ausgesetzt, sich in den perfekt gewählten Worten, harmonisch formulierten Phrasen und bildhaften Metaphern zu verlieren. Ich war derart verzaubert von der einzigartigen Sprache der Autorin, dass ich manche Romanabschnitte doppelt lesen musste. Dabei greift Margarita Kinstner nicht auf bekannte Formulierungen zurück, sondern kreiert völlig neue und berauschende Bilder. Als Beispiel kann „Draußen werfen Männer ihr dumpfes Lachen gegen Häuserwände und fangen es wieder auf“ genannt werden. Vom ersten Satz an unterliegt der Leser dem ganz eigenen Ton der Autorin, dem er sich einfach nicht entziehen kann, ein Ton, der Nichts mit einfacher Prosa zu tun hat, sondern für mich das darstellt, was man „literarische Kreativität“ nennt.

Insgesamt kann ich den Roman Mittelstadtrauschen, der obendrein ein Debütroman ist, nur loben und habe rein Garnichts daran auszusetzen. Ein geschickt erdachter Plot, der durch seine Tiefe überzeugt und nicht zuletzt durch eine Erzählstimme, die ich so noch nie gelesen habe und von der ich mir unbedingt mehr wünsche!

Bitte unbedingt lesen! Mittelstadtrauschen ist einer der besten Romane, die ich in diesem Jahr zu Gesicht bekommen habe! Ich danke dem Deuticke Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

Im Folgenden habe ich noch ein kleines Video für euch, in dem die Autorin Margarita Kinstner aus ihrem Roman Mittelstadtrauschen liest. Ihr dürft euch in den nächsten Tagen dann auf ein tolles Interview mit der Autorin freuen. Es wird sehr interessant! 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ein Blog lebt erst durch Kommentare und dem Dialog.
Wir freuen uns daher über jeglichen "Senf", den ihr abzugeben habt. :)