Mittwoch, 23. Oktober 2013

Zweiter Teil des Interviews mit Margarita Kinstner



Zwischen den Zeilen bei… Mittelstadtrauschen


 © Margarita Kinstner

1. Woher stammt die Plot-Idee zum Roman?
Das ursprüngliche Manuskript war eine 140seitige Erzählung mit dem Titel „Oberleitungsschaden“. In 60 Stationen beleuchtete ich die Beziehung zwischen Marie und Jakob. Ich schrieb so, wie man es in Schreibwerkstätten lernt - und stellte bald fest, dass mir Jakobs Eltern mehr Freude bereiteten als Jakob und Marie selbst. Stierschneiders waren 2 überzeichnete Figuren, da spielte ich mit Klischees und Vorurteilen und pfiff auf die sogenannte „literarische Gerechtigkeit“.
Schließlich – damals benötigte ich einen Text für eine Lesung – schrieb ich die erste Szene um. Inspiriert wurde ich tatsächlich von der Brust einer stillenden Freundin. Am Ende der Szene ließ ich dann noch meine einstige „große Liebe“ in den Donaukanal fallen, denn das wollte ich immer schon einmal tun, als seelischen Befreiungsakt quasi. Nun ja …  nach der Lesung kam das Publikum zu mir und fragte nach diesem Joe, ob er die Hauptfigur sei und ob das ein Roman werde.

2. Wie lange hast du an dem Roman gearbeitet? Wie kann man sich deine Arbeitsschritte vorstellen?
Anfangs habe ich kleine Episoden geschrieben – ganz so, wie sie mir in den Sinn kamen. Die Honigundmandelsofia war eine davon, Joes Beerdigung eine andere. Hedi, die sich in den russischen Soldaten verliebt. So purzelten mir immer mehr Personen in die Handlung und ich war mir ganz und gar nicht sicher, ob da jemals ein Roman daraus werden würde. Schließlich zeichnete ich die Protagonisten auf ein Blatt und verband sie miteinander. Jeder sollte mit mindestens 2 anderen Personen verbunden sein. Joe stellte ich in die Mitte. Als die Szenen anwuchsen, habe ich mit verschiedenfärbigen Post-its gearbeitet, die ich auf meine Tür geklebt habe. Ich habe geschaut: Welche Szenen gibt es bereits und aus wessen Sicht werden sie geschildert? Nach und nach bastelte ich daraus ein Mosaik. Am Ende musste ich dann noch ein paar „Kleisterszenen“ schreiben. Ende 2010 war Mittelstadtrauschen dann fertig.

3. Der Roman schlägt seinen ganz eigenen Ton an, besonders das bildhafte Erzählen fällt dem Leser sofort auf. Wie hast du diesen – deinen ganzen eigenen – Ton gefunden?
Ich glaube, diese Sprache hat in Österreich Tradition. Man denke an Elfriede Jelinek, an Werner Schwab. Als ich die Kaffeehausszene umschrieb, las ich gerade Franzobel. Ich probierte damals einfach viel herum. Und irgendwann war die Sprache auf einmal da. Und über die Sprache kam dann die Handlung.
Ich glaube, dass man seinen Stil auf diesem Weg ganz gut findet. Es braucht das Handwerk, das Abkupfern, die Kritik. Das ist wie Tonleitern üben. Wirklich gut spielst du erst, wenn du nicht mehr über die Technik nachdenkst. Dann erst kannst du dich auf die Melodie und die Dynamik konzentrieren. Und irgendwann beginnst du, statt nachzuspielen, selbst zu komponieren, das geht dann ganz von allein. Solange du die Sprache, die es für diesen einen Roman, den du schreiben willst, noch nicht gefunden hast, funktioniert er nicht. Die Sprache ist ja das einzige Mittel, das dir zur Verfügung steht, um die Leser mitzureißen.

4. Was erzählt uns der Roman in deinen Augen? Oder anders: Was soll dem Leser vermittelt werden? Gibt es die sogenannte „Moral von der Geschichte“?
Die „Moral“ habe ich erst fürs Exposé erfunden. Wenn du einen Verlag anschreibst, musst du sagen können, worum es geht. Seitdem weiß ich: Mittelstadtrauschen erzählt von der Einsamkeit und der Suche nach dem Glück, über der die Protagonisten das eigentliche Leben versäumen. Aber wie gesagt, das alles erfand ich erst im Nachhinein. Beim Schreiben überlege ich mir keine Moral, keine Botschaft. Ich glaube sogar, dass das sehr hinderlich wäre.

Liebe Margarita, hab vielen Dank für deine Mühe!

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