Montag, 9. Dezember 2013

Zweiter Teil des Autoreninterviews mit Chris Nolde



Zwischen den Zeilen bei… RISS


© Emilie Farnir

1. Wie kam die Zusammenarbeit mit der Berlin University Press zustande?
Ich habe meinen Verleger Gottfried Honnefelder nach einem Vortrag an der Bonner Uni kennengelernt. Er saß anschließend in einem Café am Marktplatz, zusammen mit Verlags- und Unileuten. Tatsächlich war noch ein Stuhl frei: genau neben ihm. Die Gelegenheit habe ich ausgenutzt. Das ist wahrscheinlich auch der Weg, über den man es immer probieren sollte, den persönlichen Kontakt.

2. Der Roman trägt einen passenden, aussagekräftigen Titel: Riss. Hat es in deinem Leben schon mal solch einen Riss gegeben, wie er im Roman beschrieben wird.
Der Riss ist die Begegnung mit dem Tod. Diese wiederum ruft viele kleine Risse hervor, durch die Gebäude brüchig werden, in denen man früher ganz selbstverständlich gelebt hat. Zum Beispiel das Konzept einer Leistungsgesellschaft. Man müht sich ab und leistet bis zum Umfallen, teils zu miserablen Löhnen, unbezahlten Überstunden, und am Ende gibt es nicht einmal ein Dankeschön oder eine Wertschätzung, weil man froh sein darf, einen Job zu haben. Gerade in Städten wie Berlin ist das Gang und Gebe. Die Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens kann dann schnell die Frage aufwerfen: Wofür das Ganze? De Protagonist Flo hat diese Erfahrung gemacht und versucht daraus ein Lebenskonzept der Verweigerung zu entwickeln. Er stilisiert sich selbst zum Symbol dieses Protests. Dann trifft er jemanden, der für seine unausgesprochene Philosophie die richtigen Worte findet, nämlich Jan. Davon erzählt 'Riss'. Und ja, in meinem Fall entspringt der Riss persönlichen Erfahrungen.

3. Die Figur Jan lebt mit einem Burnout, das mittlerweile auch als „Modekrankheit“ bezeichnet wird. In der Tat leiden bereits viele Kinder und Jugendliche in Deutschland an einem zu hohen Leistungsdruck. Fand diese Thematik beiläufig den Weg in den Roman oder hast du es direkt darauf angelegt?
Wenn man beobachtet, dass Jugendliche schon zu Schulzeiten über Angst vor Arbeitslosigkeit klagen, ist das eine erschreckende Tendenz. Die Jahre rundum den Schulabschluss sollten eine Zeit des freudigen Ausprobierens sein. Sich selbst finden. Dinge wagen und wieder verwerfen. Von der Zukunft träumen. Angst und Leistungsdruck unterbinden diesen Prozess.

4. Im Roman spricht man von ausleben, erleben, hineinleben etc. … wo liegt der Unterschied?
Ich halte das tatsächlich für eine absurde Formulierung: sich ausleben. Das klingt so, als müsste man sich mit dem Erwachsenwerden der Fähigkeit entledigen, feurig und eindringlich zu leben. Ich glaube eher an eine Intensivierung des Erlebens mit ansteigender Lebenserfahrung.

5. Ein Zitat: „Ich versteh den Hype um Berlin einfach nicht! […] Fast, als würde die Stadt einen anderen Menschen aus dir machen. Schwachsinn! Sie macht dich nur trauriger.“ Wie viel Chris steckt in dieser Aussage? Welche Sicht hast du auf Berlin?
Da sehr steckt tatsächlich viel Chris drin. Berlin ist aufregend, auf Dauer aber anstrengend. Da entsteht etwas neues und ist gleich schon überholt, wenn man dort angekommen ist. Bonn, meine erste Heimat, ist eine Stadt mit stetig wachsendem Potential. Sie ist voller kreativer Baustellen, und sie freut sich über jeden, der Lust hat mitzumischen und dauerhaft involviert zu bleiben. In Berlin zählt die schnelle Verwertbarkeit. Die Stadt frisst ihr Potential permanent. Trotzdem habe ich Berlin viel zu verdanken. Das Fremde ist ja immer auch eine Begegnung, bei der man viel über sich selbst lernt.

Vielen Dank lieber Chris für deine Zeit und Mühe!

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